1. In Ihrer Praxis als Paar- und Familienberaterin, schätzen Sie den Übergang von Paaren zu werdenden Eltern als Risikofaktor ein? Haben Sie in Ihrer Praxis häufig mit Krisen oder Problemlagen, die noch aus dieser Zeit stammen, zu tun? 
Der Übergang selbst ist nicht die Hürde. Ein Risikofaktor ist die fehlende Aufmerksamkeit, die für den Partner übrig bleibt, wenn das Kind so sehr in den Mittelpunkt rückt. Das ist am Anfang, besonders beim ersten Kind, alles in Ordnung. Schwieriger wird es, wenn die Aufmerksamkeit ausschließlich bei dem Kind bleibt und der andere sich aus enttäuschter Erwartung zurückzieht oder Vorwürfe kommen. Wenn Paare, die Eltern von jungen Kindern sind, in die Paarberatung kommen, spielt die Veränderung der Beziehung, die durch Kinder gekommen ist, immer eine zentrale Rolle.


2. Wo sehen Sie die Herausforderungen oder Risiken von Paaren in dem Übergang zur Elternschaft?
Die Herausforderung besteht darin, sich weiterhin als Paar wahrzunehmen. Das gelingt nur, wenn keiner in der Elternrolle versinkt (wodurch die Partnerrolle nicht mehr sichtbar wird) und keiner sich enttäuscht zurückzieht.

Schwierige Momente für Paare sind Krisensituationen, die sich aus dem Elternwerden ergeben: zähe Kinderwunschbehandlung, unsoziales Verhalten in der Schwangerschaft, dramatische Geburt, Krankheit eines Familienmitglieds – oft wirken diese Momente sehr lange nach, besonders, wenn sie unbesprochen und ungelöst bleiben und belasten die Partnerschaft nachhaltig.

Eltern sind mit den normalen Paarschwierigkeiten konfrontiert (Sprachlosigkeit, „Sehschwäche“, Mangel an Sexualität, Abstimmung über Lebens- und Hausarbeitsfragen etc.) und zusätzlich mit spezifischen Problemen/ Herausforderungen, wenn sie eben Eltern sind (Abstimmung in Erziehungsfragen, Work-Life-Balance, Karriere vs. Familienzeit, veränderte Rollen etc.).


3. Welche Chancen ergeben sich für Paare in dieser Zeit, aus Ihrer Erfahrung?
Eine dänische Studie hat gezeigt, dass die Paare erst nach 1,5 Jahren wieder einen Blick auf den anderen werfen
und erkennen, dass sie ja nicht nur den Vater/die Mutter an ihrer Seite haben, sondern einen Mann/eine Frau. Wenn es ihnen spätestens da wieder gelingt, ihre Beziehung zu pflegen, zu kommunizieren, sich nah zu sein, dann haben sie eine große Chance, den weiteren Verlauf der Partnerschaft positiv zu beeinflussen.


4. Was würden Sie Paaren raten, die sich auf die Veränderung im Hinblick auf die Geburt des Kindes vorbereiten, um für diese neue Situation gewappnet zu sein?
Man weiß erst, was mit der Elternschaft alles kommt, wenn man es wirklich erlebt. Man kann sich eben nicht richtig vorbereiten. Was man jedoch tun kann, ist, den anderen nicht aus dem Blick zu verlieren, sich nah zu bleiben, sich zu sehen und zu wertschätzen (eben nicht nur als Elternteil!) und genug Unterstützung zu nutzen, um auch ungeteilte Paarzeit zu ermöglichen.

Das Wichtigste in der Zeit, wenn die Kinder klein sind, ist jedoch, dass man selbst zu Schlaf kommt. Ein Paar kann sich mit dem Ausschlafen am Wochenende abwechseln, es kann sich mit dem Kinderhüten abwechseln, um in der anderen Zeit, nein, keine Hausarbeit zu machen, sondern zu schlafen oder einfach mal wieder ganz allein Raum für sich selbst zu haben. Das stärkt den Puffer und man kann wieder gelassener aufeinander zugehen.


    5. Schätzen Sie ein, dass die Vorbereitung von Ärzten und Hebammen ausreichend für Paare ist? Oder müsste es nicht noch eine weitere Instanz geben, die sich speziell mit der Situation des Paares beschäftigt und nicht nur der Fokus auf die Gesundheit sowie Nachbereitung von Mutter und Kind liegt?

    Es ist sicherlich sinnvoll, das Angebot an Geburtsvorbereitungskurs zu erweitern, um die Komponente: Veränderung für die Partnerschaft und was können wir tun, um ein Paar zu bleiben. Darüber habe ich oft nachgedacht, selbst so ein Angebot zu machen und Hebammen in ihrer Arbeit zu ergänzen.

    Interviewfragen stammen von einer mir bekannten Journalistin.

    Photo by Ilya Pavlov | unsplash