Die Person mit der Sprache der Liebe 4: Hilfsbereitschaft und Dienstleistung misst die zugewendete Liebe daran, wieviel Unterstützung ihr im Alltag entgegengebracht wird. Ob mal das Fahrrad reparieren, sie irgendwo abholen, ungefragt den Frühstückstisch decken und die Steuererklärung machen. All das zahlt darauf ein, dass sie sich gesehen und geliebt fühlt.

Bei vielen anderen Paaren ist das auch so, sie messen die Liebesbereitschaft untereinander daran, wie sehr die andere Person für die Bedürfnisbefriedigung zur Verfügung steht. Wieviel kann ich von Dir in der Beziehung erwarten, was hast Du mir zu geben, was musst Du mir geben? In den Gesprächen mit den Paaren wird deutlich, dass es viele Menschen gibt, die denken, dass sie etwas von der anderen Person zu erwarten haben, dass sie das Recht darauf haben, dass sie etwas bekommen. Woher kommt das? Sind wir aufgewachsen mit der Idee, dass die andere Person uns etwas schuldet? Kommt das noch aus der Zeit, wo der Mann gearbeitet hat und das Geld verdient und die Frau dankbar sein musste, dass er das tut und im Gegenzug erzogene Kinder und ein sauberes Haus geliefert hat?

Hier hat sich etwas zu ändern: jede Person ist dafür zuständig, ihre eigenen Bedürfnisse zu erfüllen. Es ist meine eigene Verantwortung, dass es mir gut geht, ich stabil bin, ressourcenvoll und zufrieden. Und wenn etwas aus dem Lot geraten ist, dann muss ich es wieder geraderücken.

Aber warum führe ich dann eine Beziehung, wenn ich alles allein machen soll? Darum geht es nicht, sondern darum, dass die Verantwortung bei einem selbst liegt. Natürlich kann man sich auch abwechseln, ergänzen, helfen und sich gegenseitig etwas abnehmen. Das ist ja das Tolle, dass man nicht alles allein machen muss. Es geht darum, dass man es eben nicht voneinander erwarten kann, bloß weil man in Beziehung ist. Das wird schief. Hier lohnt sich ein Blick zurück auf da, wo man herkommt. Wie war das da? Wie war da die Rollenverteilung? Mit welchen Bildern seid ihr aufgewachsen, welche Vorwegannahmen sind daraus entstanden?

Berit Brockhausen, meine Berliner Paartherapeutinkollegin, hat das Modell der „Hoheitsgebiete“ entwickelt. Jede Person ist König oder Königin in seinem/ihrem eigenen Reich. Vor der Beziehung ist jede Person für sich selbst verantwortlich, entscheidet selbständig, was sie anzieht, isst, arbeitet und mit wem sie Sex hat. Sobald man in Beziehung tritt, wachsen die Königreiche ineinander und es kommt zu einer Überschneidung. Bei manchen Paaren sind das ganz knappe Überlappungen, bei anderen ist der gemeinsame Bereich sehr viel größer, wenn z.B. auch Kinder und eine gemeinsame Wohnung noch dazu kommen. Die Herausforderung für das Paar ist, genau abzuwägen, was braucht unsere gemeinsame Entscheidung und was verbleibt in meinem eigenen Bereich, meinem eigenen König*innenreich, was geht nur mich etwas an. Denn zuweilen kommt es zu Übergriffen in das Reich der anderen Person, wenn ich Dir vorschreiben will, was Du essen sollst oder Empfehlungen für Deine sportliche Betätigung habe. Da gilt es Einhalt zu gebieten oder wenigstens ein Gespräch darüber zu führen, was die Intention oder das Anliegen der anderen Person ist, mein König*innenreich zu kommentieren oder zu befallen.

Ich möchte Euch gern anregen, darüber nachzudenken und nachzuspüren, mit welchen Vorwegannahmen in Beziehungen Ihr aufgewachsen seid und was für Euch das „normal“ ist. Mein „normal“ hat sich im Laufe meiner Beschäftigung mit dem Thema Beziehung und auch durch eigene Therapien und Reflexionen stark verändert, ich mag den Blick darauf, dass ich erstmal für mich verantwortlich bin und alles, was da von der anderen Person kommt, als Geschenk und nicht als Pflicht anerkennen versuche. Wie ist das bei Euch?